Als ich Anfang der achtziger Jahre in der Toscana ein Gehöft erwerben konnte, hatte Qualitätswein in meinem Leben noch eine untergeordnete Bedeutung. Ich kaufte für den täglichen Bedarf jeweils noch von einem „säuerlichen Gerbstoffproduzenten“ aus nicht ausgereiften Sangiovese Trauben den Wein in der 54 lt damigiana (Korbflasche) und füllte ihn, wie es damals noch allenthalben üblich war, im Keller mit dem Schlauch in die Flaschen ab. Und damit der nicht bald zu Essig werden sollte, „versiegelten“ wir jede einzelne Flasche mit einigen Tropfen olio enologico (Vaselinöl). Wegen der jahreszeitlich bedingten Füllniveauschwankungen in den Flaschen und dem daraus manchmal resultierenden Sauerstoffkontakt des Weins, wurde der Wein trotzdem öfter zu Essig ...... Weil die Weinqualität sich in meinem Keller auf tiefem Niveau befand, war der Schaden noch gut zu verkraften.
Das änderte sich schlagartig, als unser bäuerlicher Nachbar Lunghi Dante in der Toscana mich das erste Mal nach Montalcino, dem damals noch wenig bekannten Produktionsgebiet des Brunello, auf eine Reise mitnahm. Der Zufall spielte eine wesentliche Rolle. Lunghi Dante (er ist nicht verwandt mit Dante Alighieri, der in unserer unmittelbaren Nähe, im Castello di Romena, einen Teil seiner "la divina commedia" geschrieben hatte) fuhr alljährlich nach Montalcino, um seinen von der Agrarkasse aus Brüssel subventionierten Stier der Rinderrasse aus der Valdichiana, der Chianina, auszuwählen. Aus der Chianina gibt es die besten bistecche alla Fiorentina, die wir zum Mittagessen genüsslich in der Trattoria „da Mario“ in Buonconvento, nahe des noch verschlafenen Montalcino, verspiesen. Im Gespräch mit dem Viehproduzenten taten sich mir plötzlich neue Weinwelten auf. Er war nämlich kein geringerer als Bramante Martini. Er war auch Eigentümer der Weingüter Valdicava und Valdisuga. Und dazu war er noch presidente del consorzio Brunello di Montalcino. Von jetzt an kaufte ich den Wein in Montalcino, immer noch in der damigiana. Der immer noch selbst abgefüllte “Brunello” erwartete natürlich zurecht mehr Pflege. Es ist trotzdem noch ab und zu eine Flasche bei der Essigmutter gelandet, bis ich nur noch verzapfte Flaschen kaufte .....und zaghaft begann, im Bekanntenkreis in der Schweiz einige Flaschen Brunello zu verkaufen.
Seither sind einige Jahre verflossen und Weingeschichten habe ich viele erlebt, spannende Menschen kennengelernt, unprätenziöse grundehrliche Weinbauern, hochnäsige unnahbare weltbekannte Weinunternehmer, hochkarätige Philosophen und Lebenskünstler. Edoardo Valentini, dem ungekrönten König der Abruzzen, Barone Nicolò Lalumia einem der letzten grossen Latifundisten in Sizilien, Salvatore Murana, dem Zibibbo Künstler aus Pantelleria, Ampelio Bucci dem Wiederentdecker des Verdicchio in der Marche, Mario Schiopetto dem Klassiker aus Venezia Giulia und Baldo Cappellano dem Traditionalisten aus dem Piemont – ihnen allen ist eines gemeinsam: die kompromisslose Suche nach hoher Qualität von der Produktion der Weintraube bis zur natürlichen Umwandlung in Wein, diesem ältesten Kulturprodukt der alten Welt, das nicht selten durch überbordende profilierungssüchtige Journalistik, leider unnötig zum Kultprodukt emporstilisiert wird.
Weine von diesen mir oft freundschaftlich verbundenen Menschen zieren unsere Weinliste und sollen unsere Herzen höher schlagen lassen.
Neue Weingeschichten gibt es bei mir immer wieder, weil ich meine Produzenten in regelmässigen Abständen in ihrem Produktionsgebiet direkt besuche, um die Freundschaften zu pflegen und zu fühlen wo und wie das Naturprodukt entsteht.
Und weil ich Grossanlässe wie Weinmessen wie die Vinitaly hasse, mache ich durch meine persönlichen Kontakte in den wunderschönen Landschaften auch immer wieder mal eine Neuentdeckung.
Pratovecchio und Winterthur
Beat Rieben |